Das dunkle Geheimnis
Die Kathedrale Maria Santissima Assunta (heiligste in den Himmel
aufgenommene Maria) von Palermo erhebt sich monumental an einer Stelle, an
der bereits im 6. Jahrhundert eine christliche Basilika stand. Es war ein für Sizilien
ungewöhnlich feuchter und kalter Tag, als wir diesen Platz und das Gotteshaus
besuchten, das im Laufe der Geschichte zeitweise als Moschee und Hochschule
genutzt wurde.
Der aus England stammende Erzbischof Walter of the Mill, ließ wegen angeblich
gravierender Schäden, an der Stelle der prachtvollen Moschee 1184 einen
Neubau erstellen. Vielleicht wollte er aber mit diesem Bau den Machtanspruch
des Erzbischofs von Palermo dokumentieren. Im nur acht Kilometer entfernten
Monreale ließ daraufhin König Wilhelm II. einen eigenen Dom errichten.
In den folgenden Jahrhunderten wurde das Gebäude mehrfach verändert und
erweitert. Eine Erweiterung des Baus mit einem Aufsatz auf den Ecktürmen und
eines Vorplatzes fand im 14. und 16. Jahrhundert statt.
Der kühle klassizistische Innenraum, die Kuppel und ein zweites Querhaus
wurden 1781-1804 von Ferdinando Fuga hinzugefügt.
Heute betritt man den Dom durch die gotisch-
katalanische Vorhalle von 1453 auf der südlichen, dem
Domplatz zugewandten Seite. Über dem Portal ist die
Muttergottes in einem Goldgrundmosaik aus dem 13.
Jahrhundert dargestellt. Alles an der Maria Santissima
Kathedrale ist beeindruckend, sehenswert auch die
Schatzkammer im Inneren, hier werden liturgische
Gewänder ausgestellt. Glanzstück der Ausstellung ist eine
Krone, die eine Grabbeigabe von Friedrich II. an seine Frau
war.
Unser Hauptinteresse galt jedoch der Seitenkapelle mit ihren Königsgräbern. Hier
stehen Sie, unter von Säulen getragenen Baldachinen, die Porphyr-Sarkophage. In
der vorderen Reihe links der Sarkophag von Friedrich II. († 1250), rechts der seines
Vaters Heinrich VI. († 1197). Diese beiden Sarkophage hatte Roger II. im Querschiff
der Kathedrale von Cefalù aufstellen lassen, sie waren ursprünglich für ihn und
seine Nachfolger bestimmt. Nachdem aber Roger II. in Palermo und seine beiden
Nachfolger Wilhelm I. und Wilhelm II. in der Kathedrale von Monreale beigesetzt
worden waren, hatte Friedrich II. die Sarkophage 1215 für sich und seinen Vater
nach Palermo geholt. I
Seine Haut ist erhalten, die Physiognomie lässt sich gut erkennen", die Projektleiterin Rosalia Varoli
Piazza, vom Zentralinstitut für Restaurierung in Rom, ist erstaunt über die „trotz der langen
Liegezeit lebensnahen Frische von Friederich". Sein Gesicht ist zu erkennen - ein schmales Oval mit
scharfem Profil. Kopf und Krone ruht auf einem Lederkissen, der Reichsapfel, gefüllt mit der Erde
aus Jerusalem, ist geborsten.
Dann ergab eine Radiographie, dass auch der Körper des Staufers nicht mehr so liegt, wie
ursprünglich gebettet. Grabräuber haben anscheinend die Öffnung im 18. Jahrhundert benutzt, um
sich zu bedienen. Indizien deuten darauf hin, dass der Sarg damals nicht schon nach zwei Monaten
wieder verschlossen worden war, wie man bisher angenommen hatte, sondern dass man ihn nur
mit Brettern bedeckte. Varoli-Piazza vermutet dass erst zwanzig Jahre später die schwere
Deckplatte wieder aufgelegt wurde. Die Grabräuber hat Eile getrieben, der Sack mit dem Toten, der
in dem Sarkophag über Friedrich liegt, wirkt hastig aufgeschlitzt. Die Knochen des dritten Toten, der
bis heute nicht einwandfrei identifiziert ist, sind zusammengeschoben. Zwar hatten die Diebe
Scheu, sich an der Krone Friedrichs zu vergreifen, doch nahmen sie einen seiner Stiefel mit und
lösten wertvolle Verzierungen vom Gewand.
Dass im späten 19. Jahrhundert Perlen, die von der zerstörten Krone stammen und Stücke von
Stoffen aus dem Grab, im British Museum auftauchten, gibt den Forschern Hoffnung, noch weitere
geraubte Bestandteile zu finden.
Sarkophag von Friedrich II.
„Sicaniae regina fui Constantia
coniunx augusta hic habito nunc
Federice tua. (Siziliens Königin
war ich, Konstanze, des Kaisers
Gattin, nun wohne ich hier,
Friedrich, die Deine).”
In der zweiten Reihe, hinter dem Sarkophag von Heinrich
IV., rechts neben Roger II., ebenfalls unter einem Baldachin,
steht der Sarkophag der Frau, die alle drei Könige und
Kaiser verbindet: der Porphyrsarkophag der Königin
Konstanze von Sizilien (1154-1198). Sie war die Tochter
Roger II. (geboren erst nach dessen Tod), Ehefrau Heinrich
VI. und Mutter Friedrich II.
In der zweiten Reihe, hinter Friedrich II. unter
einem Baldachin, der von sechs mit Mosaiken
geschmückten Säulen getragen wird, steht der
Porphysarkophag von Roger II.
Am 13. Dezember 1250 im Castello Fiorentino bei Lucera, starb Friedrich II. Die meisten Historiker gehen
davon aus an einem schweren Darmleiden, das seine Zeitgenossen "Morbo lupe " nannten - Krebs. Da es
jedoch immer wieder Morddrohungen gegeben hatte, wird bis heute behauptet, er wurde vergiftet.
Bekannt ist, nach dem Tod des Kaisers wurde der Sarkophag zweimal geöffnet: 1338 und schon kurz
danach 1342, wo zwei weitere Leichname beigelegt wurden, die nach zeitgemäßen Dokumenten dem
Herzog Wilhelm von Athen und Peter II., beide Söhne Friedrichs II. von Aragon, entsprechen. Ein weiterer
Versuch, den Sarkophag zu öffnen, erfolgte 1491, wurde aber mit wilden Protesten von kaisertreuen
Anhängern abgewendet, da diese die Öffnung als einen Frevel betrachteten.
Nicht verhindert werden konnte dann die Öffnung im Jahr 1781 oder 1782, die im Zuge von Umarbeiten
an der Kathedrale erfolgte. Die drei Leichname erschienen hierbei gut erhalten, nicht der Hauch einer
Beschädigung war erkennbar. Eine genaue Beschreibung mit eindrucksvollen Zeichnungen liefert
Francesco Danieli in seinem Buch "I regali Sepolcri del Duomo di Palermo" [Die heiligen Grabstätten im
Dom zu Palermo], das 1784 in Neapel erschienen ist, sie zeigen den Kaiser mumifiziert, das Gesicht
eingefallen, den Körper in gut erhaltene Prunkgewänder gehüllt, auf dem Haupt die Krone und neben ihm
das Schwert. [Ob auch zeichnerische Darstellungen von den anderen beiden Grabinsassen vorhanden sind,
wird im Artikel nicht erwähnt und konnte auch durch Nachforschungen des Übersetzer nicht geklärt
werden]. In seiner Beschreibung äußerte Danieli aber auch Zweifel über die Identität einer der drei
Leichname: An Stelle des Herzogs Wilhelm von Athen schien eine Frauengestalt zu liegen.
Da Freidrich II.nach seinem Tod in Castel Fiorentino zunächst nach Messina überführt und erst im Februar
1251 in Palermo beigesetzt wurde, muss eine Fäulnis verhütende Behandlung angenommen werden.
Dass der Leichnam noch 500 Jahre später erhalten war, dürfte jedoch in diesem Fall weniger den
verwendeten Konservierungsmethoden, sondern vielmehr den günstigen klimatischen Umständen im
Raum Palermo zuzuschreiben sein.
1994 öffneten Wissenschaftler den Sarg ein zweites Mal. Zwei endoskopische
Untersuchungen wurden vorgenommen, indem in den Sarg ein hochempfindliches
elektronisches Videoauge eingeführt wurde. Den Experten bot sich ein chaotisches Bild von
Stofffetzen, Stroh und Material, das gewöhnlich zur Füllung von eviszerierten und
einbalsamierten Körpern benutzt wird. Die Fragen darüber, was da geschehen war, sind noch
offen. Wahrscheinlich wurden durch die Öffnung 1781, die sterblichen Überreste der drei
Leichname Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen ausgesetzt waren, die irreparable
Schäden verursachten. Aber selbst Vermutungen einer Grabschändung bestehen, die
während des letzten Weltkrieges durch die deutschen Besatzungstruppen erfolgt sein könnte.
Ehr unwahrscheinlich, denn die Deutschen lieben ja Friedrich II. noch mehr als die Italiener.
Schließlich legen noch heute deutsche Touristen Blumen an seinem Grab nieder.
1998 mit Hilfe neuester deutscher Technik, wollten italienische Wissenschaftler, fast 750
Jahre nach seinem Tode, nun historische Gewissheit herstellen. Finanziert wurde das Projekt
von der deutschen Firma M & W Zander, eine schwäbische Firma aus Stuttgart. Svevi, die
Schwaben, so nennt man die Staufer in Italien. Die Untersuchungen sollen uns Aufschluss
geben, ob Friedrich II. eventuell vergiftet wurde, wie manche Zeitgenossen vermuten, oder ob
er tatsächlich an einer Darmkrankheit starb, so die Leiterin des Projekts, Rosalia Varcoli
Piazza. Außerdem erhoffte man sich mit Hilfe von DNA-Analysen Hinweise über die Identität
der beiden anderen Leichen, die neben Friedrich II. in dem Staufer-Grab liegen. Sind es
wirklich Nachfahren von Friedrich? 1781 hatte man gemutmaßt, dass es sich um eine Frau
aus dem Umfeld Friedrichs handelt. Fest steht nur, dass die dritte Leiche vor Peter II. in das
Grab gelegt worden sein muss.
Um dieses Mal jegliches Risiko zu vermeiden, ging man mit hohem technischen Aufwand und
größter Vorsicht an die Aufgabe heran. Es wurde ein eigener keimfreien Spezialraum
(Cleanroom) um den Baldachinsarg gebaut, wie er etwa in der Mikrochip oder Arzneimittel-
Produktion üblich ist. Temperatur und Luftfeuchtigkeit der Luft in diesem Raum, wurden den
Bedingungen im Inneren des Sarges genau angepasst. Voruntersuchungen hatten ergeben,
dass die Mumie von Pilzsporen, die Allergien auslösen, befallen war. Zudem, so die
Befürchtung, könnte die Leiche unter Frischluftzufuhr zerbröseln. Dann war es soweit, eigens
konstruierte hydraulische Hebeböcke, drücken den Deckel aus rotem Porphyr-Gestein, mit
rund einer halbe Tonne Gewicht, an den Ecken empor. 35 Zentimeter dürfe man ihn heben,
hatte der Erzbischof aus Pietät nach jahrelangen Verhandlungen mit den Forschern verfügt.
Fast einen halben Meter schwebt der Steindeckel nun doch über dem Sarg und lässt einen
Einblick zu. Um den Zustand der Mumien zu dokumentieren, führt man Fotoapparate und
Videokameras ein. Dann entstand Unruhe, die beiden anderen Toten, die nach Friedrich in
das Grab gelegt worden sind, verdecken den direkten Blick auf den Kaiser. Besonders der Schädel, des
dritten eingelegten unbekannten Körpers, drängt die Mumie von Friedrich in den Hintergrund. Nur vage
ist der mumifizierten Kopf Friedrichs zu erkennen. Im 18. Jahrhundert hatten Historiker den Kopf des
Kaisers noch mit der Insignie gezeichnet, jetzt sind verwitterte Fragmente höchstens zu erahnen. Dann
wird die Video-Kamera tiefer ins Grab hinabgelassen und es erscheinen die Umrisse des einbalsamierten
Leichnams von Friedrich auf dem Monitor. Nach mehr als sieben Jahrhunderten, sehen die Beobachter
Füße, die in Lederschuhen stecken, eine weiße Tunika, die mit arabischen Motiven bestickt ist. Nicht
vorhanden ist das Schwert, das ihm auf die linke Seite gelegt worden war.
Späte Gewissheit
Vier Jahre nach der spektakulären Öffnung des Grabes haben Experten eine Überraschung präsentiert. Friedrich
II. wurde entgegen früheren Annahmen nicht vergiftet. "Wir haben keine Giftspuren gefunden wie etwa Arsen",
sagte der italienische Experte Guido Meli. Auch Flecken im Gesicht der Mumie seien eher durch Folgen einer
Ruhrerkrankung zu erklären als durch einen Gifttod, sagte der Wissenschaftler der römischen Zeitung "Il
Messaggero".
Auch die Untersuchungen der beiden weiteren Bestatteten in dem Sarkophag haben Neuigkeiten erbracht. So
soll es sich bei dem einen um Peter II. von Aragonien-Sizilien ein Ururenkel des Staufers, der zwischen 1337 und
1342 regiert hatte, handeln. Peter sei offenbar umgebracht worden. "Der Tote weist eine Verletzung am Kopf auf,
die wahrscheinlich durch eine Axt verursacht wurde", sagte Meli. Seine sterblichen Überreste wurden im 14.
Jahrhundert über denen Friedrichs in dem Sarkophag bestattet. Beim dritten Skelett in dem Grab handele es sich
um eine unbekannte Frau, die bei ihrem Tod etwa 18 bis 25 Jahre alt gewesen sei.
Das archivierte Erbgut von Friedrich II. war leider nicht ausreichend, die Stammbäume der Adelsgeschlechter
naturwissenschaftlich zu untermauern und zu komplettieren. Direkt neben Friedrich liegen in eigenen
Sarkophagen Heinrich VI., sein Vater, und Konstanze, seine Mutter, doch im Augenblick müssen wir auf spätere
Ergebnisse warten.
„Er lebt und lebt nicht“, sagen die Sizilianer über „den Schwaben“, wie sie ihren „Federico Secondo“, titulieren.
Obwohl bereits vor 766 Jahren gestorben, weilt sein Geist noch unter ihnen.
Bei der Öffnung des roten
Porphyrsarkophags 1781 fand
Francesco Danieli dieses Bild vor,
wie er es mit seinem Kupferstich
in "I regali Sepolcri del Duomo di
Palermo", 1784 in Neapel
erschienen, wiedergab.
Hinweis:
Veröffentlichungen oder Auszüge sind unter der Voraussetzung der Quellenangabe gestattet.
Form der Quellenangabe, Druckwerke/PDF usw.:
Name des Autors: Peter Müller-Helbling
Titel des Werks: Die Wegelnburg
Stand: 17.12.2016
n der zweiten Reihe stehen zwei weitere Porphyr-
Sarkophage, links der von Roger II. († 1154), rechts der seiner
Tochter Konstanze von Sizilien († 1198), der Frau Heinrichs VI.
und Mutter Friedrichs II. In einem römischen Sarkophag aus
dem 3. oder 4. Jahrhundert, an der rechten Wand, liegen die
Gebeine von Konstanze von Aragón († 1222), der Ehefrau
Friedrichs II.